Social Learning – ein neuer Trend?

Mit den Social Media fing ein neuer Trend an. Einfach das Wort „Social“ vor einem bekannten Begriff setzen, z.B. vor „learning“ und schon hat man „social learning“ (soziales lernen) und es ist etwas komplett „neues“. Auf jeden Fall tönt es gut (Marketing sei Dank), aber ist es wirklich neu? Lernen war doch schon immer sozial!

Es ist allgemein bekannt – und dies nicht erst seit heute – das Lernen und vor allem das Verstehen über Erfahrung und Anwenden geht. Also niemand macht einen nachhaltigen Lernprozess in einer reinen Isolation, sondern das Lernen findet immer in einem sozialen Umfeld statt.Social-learning-to-enhance-classroom

Ja, jetzt könnte man natürlich fragen: Wenn ich etwas in Google suche, ist dass dann soziales Lernen? Eigentlich nicht. Aber es ist auch nicht wirklich lernen. Es ist „googlen“ (um das neudeutsche Wort mal zu verwenden). Und wenn ich ein Buch lese, alleine, auf einer einsamen Insel, ist das sozial? Natürlich nicht – aber es ist auch nicht lernen. Es ist lesen eines Buches.

“The principle that development of experience comes about through interaction means that education is essentially a social process.”
– Dewey, 1938.

Sozial beeinflusstes Lernen

Für mich bedeutet Lernen, dass wir unser Verhalten aufgrund unseren Erfahrungen entwickeln und verändern. Und dies findet v.a. unter sozialem Einfluss statt. Heutzutage stehen jedoch digitale Medien und Lern-Technologien so stark im Zentrum, dass der Fokus sich geändert hat und wir leicht durch den Begriff social learning verwirrt werden können. Denn es geht schlussendlich nicht um ein social media-Tool, sondern um das Lernen im sozialen Umfeld.

Um es mit den Worten von Jane Bozarth zu sagen:
social media is a tool you can use to support social learning; social learning is how we learn.

Beispiele von sozialem Lernen gefälligst? Here we go:

Lernen von anderen

Das offensichtlichste Beispiel ist der Einfluss von anderen Personen auf unsere Erfahrung und wie Beziehungen zu anderen unsere Art zu Lernen beeinflussen. Manchmal werden wir in solche Beziehungen gezwungen (z.B. Schüler <> Lehrer), aber z.B. auf der Arbeit suche ich mir die Personen selbstständig aus, von denen ich etwas lernen möchte. Oftmals ist es doch dann auch so, dass ich Personen, welche ich bewundere, versuche nachzuahmen – und somit meine eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen weiterentwickle.

Der Sozialpsychologe Albert Bandura untersuchte, wie äussere Einflüsse unser Verhalten massgebend beeinflussen. Mit seiner Theorie, social learning theory, konnte er den sozialen Aspekt im Lernen schon um 1960 nachweisen. Ich denke, wir müssen uns bei ihm dafür entschuldigen, dass wir den Ausdruck „social learning“ jetzt so als modern und innovativ bezeichnen.

Eine zentrale Erkenntnis seiner Arbeit war das beobachtende Lernen: wir beobachten, wie jemand eine Handlung ausführt, dann versuchen wir die Handlung in einzelne Teilschritte aufzugliedern und schlussendlich versuchen wir die Handlung selber nachzumachen. Das Feedback, welches wir darauf erhalten, hilft und dann zu verstehen, wie gut uns die Nachahmung gelungen ist bzw. wo wir noch stärker üben müssen.shutterstock_158869706-853x1024

Ein anderes Beispiel zum sozialen Lernen stammt von Benjamin Bloom mit seiner „2 Sigma“ – Studie. Die 1984 durchgeführte Studie belegte, dass ein Lernen im 1:1 Ansatz nachhaltiger war als im traditionellen Klassenraum. Dies belegt also, dass wir mit einem guten Lehrer, der sich eher als Lernprozessbegleiter anstatt als Frontlehrer sieht, einen grösseren Lernerfolg haben.

Es lässt sich also zusammenfassen, dass man für ein erfolgreiches Lernen nicht einen mit vielen Zertifikaten ausgezeichneten Lehrer benötigt. Wichtig ist, dass wir zusammen lernen und nicht isoliert und dass wir die Möglichkeit haben, die Handlungen durch ein Vorbild zu erleben. Somit haben auch die anderen sozialen Lernformen wie Partizipation und Kooperatives Lernen positiven Einfluss

Lernen durch die Anwesenheit von anderen

Ein anderes Ergebnis aus der Studie von Bandura war die Selbstwahrnehmung bzw. Einschätzung über unser Können im Vergleich zu anderen.

Normalerweise haben wir eher den Hang dazu, dass wir uns schlechter oder besser  beurteilen im Vergleich zu den anderen. So wurden unter Autofahrern Umfragen durchgeführt, wie sie ihr Fahrkönnen im Vergleich zu anderen einschätzen. Über 90% gaben an, dass sie sich über dem Durchschnitt einschätzen was ihre Fahrkompetenzen betrifft. Rein statistisch gesehen kann dies natürlich gar nicht möglich sein – die Mehrheit muss im Durchschnitt sein.

Jetzt stellt sich natürlich die Frage, wieso ein Mitarbeiter sogar freiwillig internes Training besucht, wenn er sich doch „über den Durchschnitt“ einschätzt. Manchmal braucht es eben eine soziale Rückmeldung. So erhält man über die Peergruppe direkt eine Rückmeldung zur eigenen Kompetenz oder auch durch ein 360° Assessment. Ohne solche Rückmeldungen haben wir keinen Massstab und schätzen uns meistens falsch ein. Auch im Bereich eLearning tritt dieses Phänomen auf. Wenn ich bei einem Multiple Choice Test 80% erreicht habe, dann ist die Chance gross, dass ich mich als „gut“ einschätze. Aber was, wenn die anderen alle 100% hatten? Oder alle den Test nicht bestanden haben? Also muss auch im Bereich eLearning die soziale Rückmeldung möglich sein, damit man sich besser einschätzen kann.

Lernen in Gruppen

Lernen in Gruppen war und ist immer noch sehr im Trend. Und hier haben wir wirklich ein gutes Beispiel von sozialem Lernen. Der Vorteil in dieser Methode ist, dass man nicht nur selber lernt und seinen Wissenshorizont erweitert, sondern dies gleich die ganze Gruppe macht.teamwork_image_tcm108-193350
Heute, dank den Technologien, lässt sich dieses Gruppenlernen noch einfacher gestalten. So kann zum Beispiel über Chats, Foren, Diskussionsgruppen, Fragen&Antworten-Plattformen oder kollaborative Systeme wie z.B. GoogleDocs gut zusammen gelernt werden und dies auch, wenn die Gruppenmitglieder weit voneinander entfernt sind.
Dabei ist aber zu achten, dass beim Einsatz von Technologien der Interaktion weiterhin gegeben ist. Würde man z.B. an einem Dokument arbeiten, dies aber nur über eine virtuelle Datenablage (z.B. Dropbox), ist es schlussendlich ein „alleiniges“ Arbeiten, da nur eine Person an dem entsprechenden Dokument arbeiten kann. Hier kommt der Vorteil von GoogleDocs, mit welchem gleich mehrere Lernende gleichzeitig an einem Dokument arbeiten können und sich so auch sofort untereinander austauschen können.
Dasselbe gilt auf für Konversationen: Ein Austausch per eMail ist nur einseitig bzw. man muss immer zuerst auf die Antwort werden. Chats hingegen lassen ein wirkliches Lernen in Gruppen dann erst zu.

Kurz gesagt, Lernen ist Gruppen hat die Idee, dass man als Gruppe mehr lernt (und mehr weiss), als einer alleine. Durch den Austausch mit anderen kann man seine eigenen Fähigkeiten verbessern. Deshalb ist es wichtig, in einem solchen Setting sich nicht einfach nur an einem Forum anzumelden und dann nur mitzulesen. Sondern man muss selber aktiv werden, sich auch getrauen Fehler zu machen, mit den Mitlernenden Hypothesen diskutieren und gemeinsam Lösungsansätze kreieren.

Lernen ist sozial

Ich bin überzeugt, dass Lernen schon immer sozial war. Wir müssen uns also nicht dauernd fragen, wie jetzt soziales Lernen in unser Curriculum reinpasst und welche Tools und Methoden wir dazu anwenden sollten. Denn würde es per se kein soziales Lernen geben, dann wäre der Lernprozess limitiert auf reines „Googlen“, Lesen oder Auswendiglernen.

Ich denke, es ist viel wichtig, zu erkennen, dass soziales Lernen immer stattfindet und man sich eher überlegen sollte, wie man diesen Prozess entsprechend noch weiter unterstützen kann. Zum Beispiel über Feedback-Systeme oder Aufzeigen von Benchmarks. Oder dass man Hilfestellungen bei der Verwendung von Online-Communities gibt. Hier wird dann Technologie mit dem entsprechenden Mehrwert eingesetzt.

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